INSTITUT FR DEUTSCHE SPRACHE
Rechtschreibreform
---------------------------------------------------------------------------

                       IDS SPRACHREPORT EXTRAAUSGABE
                                 Juli 1996
             Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache
              Herausgegeben vom Institut fr deutsche Sprache

                             Rechtschreibreform

                 Eine Zusammenfassung von Dr. Klaus Heller

Am 1. Juli 1996 haben in Wien die politischen Vertreter der
deutschsprachigen Staaten und weiterer interessierter Lnder eine
Gemeinsame Erklrung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung
unterzeichnet. Damit sind die langjhrigen Bemhungen, die darauf gerichtet
waren, Erleichterungen beim Erlernen und bei der Handhabung der deutschen
Orthographie herbeizufhren und das amtliche Regelwerk den heutigen
Erfordernissen anzupassen, zu einem guten Ende gefhrt worden. Um den
Interessen sowohl des Schreibenden als auch des Lesenden nachzukommen und
um bei aller wnschenswerten Vereinfachung keinen Bruch mit der
Schreibtradition zuzulassen waren zahlreiche Kompromisse unumgnglich. Rein
linguistische Lsungen waren ebensowenig erreichbar wie rein pragmatische.

In Zukunft wird eine zwischenstaatliche Kommission fr die deutsche
Rechtschreibung mit Sitz am Institut fr deutsche Sprache in Mannheim dafr
Sorge tragen, dass die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen
Sprachraum bewahrt bleibt. Sie wird Zweifelsflle auf der Grundlage des
neuen orthographischen Regelwerks klren und Empfehlungen zur Anpassung des
Regelwerks an den allgemeinen Sprachwandel erarbeiten.

Die folgende Darstellung enthlt die wichtigsten Informationen zur Reform.

A) Laut-Buchstaben-Zuordnungen (einschlielich Fremdwortschreibung)

B) Getrennt- und Zusammenschreibung

C) Schreibung mit Bindestrich

D) Gro- und Kleinschreibung

E) Zeichensetzung

F) Worttrennung am Zeilenende

Wie wichtig ist die Rechtschreibung?

Der Gebrauch der Sprache - sei es mndlich, sei es schriftlich - unterliegt
bestimmten Normen wie andere menschliche Ttigkeiten auch. Diese Normen
dienen der Sicherung einer reibungslosen Kommunikation; ihre Einhaltung
liegt daher im Interesse eines jeden Sprechenden und Schreibenden wie auch
Hrenden und Lesenden.

Im Laufe der Entwicklung haben sich fr die geschriebene Sprache strengere
Mastbe herausgebildet als fr die gesprochene. Das hngt damit zusammen,
dass Geschriebenes die Funktion hat, sprachliche uerungen ber lngere
Zeitrume und ber grere rumliche Distanzen hinweg bewahrbar zu machen.
Unter diesem Gesichtspunkt wird der Norm der Schreibung - der
Rechtschreibung - innerhalb der Sprachgemeinschaft ein besonderer Wert
zugemessen. Das fhrt hufig dazu, dass Sicherheit in der Rechtschreibung
bertriebenerweise zum Mastab fr die Persnlichkeit des Schreibenden
schlechthin genommen und hher geschtzt wird als etwa logische Konsequenz
oder stilistische Qualitten.

Warum brauchen wir eine Reform der deutschen Rechtschreibung?

Die bis heute gltige amtliche Rechtschreibung datiert von 1901/1902. Sie
wurde 1901 auf der 2. Orthographischen Konferenz in Berlin beschlossen,
1902 als Regelwerk verffentlicht und in Deutschland in Form einer
Rechtsverordnung amtlich. Die Schweiz und sterreich schlossen sich dieser
Normierung an. Vorrangiges Ziel war damals, besonders im Interesse der
Schule eine einheitliche Rechtschreibung fr das ganze deutsche
Sprachgebiet herzustellen. Nicht weiter verfolgt werden konnte das Anliegen
auch fr Einfachheit der Rechtschreibung zu sorgen. Seit 1902 ist daher das
Bemhen, die Rechtschreibung der deutschen Sprache zu reformieren, nicht
erlahmt. Dies auch deshalb nicht, weil weitere Bearbeitungen, insbesondere
in den zahlreichen Auflagen der Duden-Rechtschreibung, die Regelung von
1902 in vielen Bereichen unsystematisch aufgeschwellt, uerst kompliziert
und schwer erlernbar gemacht haben. Auch sind nderungen im Schreibgebrauch
seit 1901 zu bercksichtigen. Eine Vereinfachung durch Systematisierung war
daher lngst berfllig; die veraltete Norm musste den heutigen
Erfordernissen angepasst werden.

Was bedeutet "amtliche Rechtschreibung"?

Die neue Regelung ersetzt die Regelung von 1902 und alle nachfolgenden
Ergnzungsverordnungen. Wie das Regelwerk von 1901/1902 ist auch die neue
amtliche Rechtschreibung verbindlich fr diejenigen Institutionen, fr die
der Staat in dieser Hinsicht Regelungskompetenz besitzt. Das sind
einerseits die Schulen und andererseits die Behrden. Darber hinaus hat
sie Vorbildcharakter fr alle anderen Bereiche, in denen sich die
Sprachteilhaber an einer mglichst allgemein gltigen Rechtschreibung
orientieren mchten. Das gilt speziell fr Druckereien, Verlage und
Redaktionen, aber auch fr Privatpersonen.

Welchen Grundstzen ist die Reform verpflichtet?

Die neue Regelung bemht sich um eine behutsame Vereinfachung der
Rechtschreibung. Sie erreicht das vor allem durch die Beseitigung von
Ausnahmen und Besonderheiten. Sie weitet damit den Geltungsbereich der
Grundregeln aus und erhht so die Systematik. Die deutsche Rechtschreibung
wird leichter erlernbar und einfacher handhabbar sein, ohne dass die
Tradition der deutschen Schreibkultur beeintrchtigt wird. Die Lesbarkeit
von Texten in der bisherigen Orthographie bleibt erhalten. Die
Neuformulierung nach klaren, einheitlichen Gesichtspunkten macht die Regeln
insgesamt verstndlicher und durchsichtiger.

Wer hat das neue Regelwerk ausgearbeitet?

Der Neuregelungsvorschlag ist das Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher
Zusammenarbeit von vier Arbeitsgruppen aus Deutschland, sterreich und der
Schweiz und der weiteren Bearbeitung durch den Internationalen Arbeitskreis
fr Orthographie, der aus diesen Arbeitsgruppen hervorgegangen ist. 1992
hatte dieser wissenschaftliche Arbeitskreis seinen Vorschlag in Buchform
vorgelegt (Deutsche Rechtschreibung. Vorschlge zu ihrer Neuregelung,
Gunter Narr Verlag Tbingen). Hieraus entstand eine berarbeitete Fassung,
die in wohlabgewogener Weise den Hinweisen Rechnung trgt, die sich aus der
Diskussion mit Vertretern der Behrden und in der ffentlichkeit ergeben
hatten. Sie nahm in noch strkerem Mae als die 1992 vorgelegte Fassung
Rcksicht auf den Aspekt der politischen Vertretbarkeit und praktischen
Durchsetzbarkeit. Diese berarbeitung bildete die Verhandlungsgrundlage fr
die 3. Wiener Gesprche zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung im
November 1994.

Welchen Charakter hatte diese Wiener Konferenz?

Mit der Wiener Konferenz haben nach 1986 und 1990 zum dritten Mal
internationale Verhandlungen auf politischer Ebene ber eine Reform der
deutschen Orthographie stattgefunden. Auf Einladung des sterreichischen
Bundesministeriums fr Unterricht und Kunst nahmen an den Beratungen vom
22. bis 24. November 1994 Delegationen aus Belgien, Deutschland, Dnemark,
Italien/Sdtirol, Liechtenstein, Luxemburg, sterreich, Rumnien, der
Schweiz und Ungarn teil. Der Vorschlag erhielt die Zustimmung aller
Teilnehmer der Konferenz. Er wurde als der am besten durchdachte und am
sorgfltigsten abgewogene Vorschlag seit der Normierung der deutschen
Orthographie im Jahre 1901 bezeichnet. Die Konferenz wrdigte die
sorgfltigen und umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten und empfahl den
politischen Entscheidungsinstanzen die Ergebnisse der Beratungen
anzunehmen. Damit bestand seit fast hundert Jahren zum ersten Mal die reale
Chance die deutsche Rechtschreibung behutsam weiterzuentwickeln.

Was geschah seit der Wiener Konferenz?

Nachdem eine in Wien benannte international besetzte Redaktionsgruppe, der
auch Fachbeamte angehrten, die Beschlsse von Wien in das Regelwerk
eingearbeitet hatte und insbesondere das Wrterverzeichnis fertiggestellt
worden war, konnte am 13. April 1995 die Vorlage fr das amtliche Regelwerk
den zustndigen Behrden in Deutschland, in sterreich und in der Schweiz
bergeben werden. Um jedem Interessierten den Einblick in das vollstndige
Regelwerk zu ermglichen und besonders allen, die sich - wie viele Verlage
- auf die neue Rechtschreibung einstellen mussten, eine lngere
Vorbereitungszeit zu geben, verffentlichte der Internationale Arbeitskreis
fr Orthographie Anfang Juli 1995 die vollstndige Vorlage fr das amtliche
Regelwerk im Gunter Narr Verlag Tbingen.

Dem groen Informationsbedrfnis der Bevlkerung entgegenkommend erschienen
nach der ersten Auflage der Sprachreport-Extraausgabe und der Broschre des
Dudenverlages (beide noch im Dezember 1994) zahlreiche Nachdrucke dieser
Ausgaben sowie weitere Publikationen von Ebner/Fussy (BV), Zabel (Falken)
und Heller (Klett).

Whrend die Regierungen sterreichs und der Schweiz dem
Neuregelungsvorschlag umgehend zustimmten, erhoben einzelne deutsche
Politiker Einspruch gegen einige vernderte Wortschreibungen. Nach erneuten
und zum Teil heftigen Debatten in der ffentlichkeit beauftragte die
Kultusministerkonferenz Ende September 1995 eine lnderoffene
Amtschefskommission damit, noch bestehende Probleme fr eine abschlieende
Beratung und Entscheidung aufzubereiten. Diese Kommission hatte auerdem
die Beschlsse der Ministerprsidentenkonferenz vom 26./27. Oktober 1995 zu
bercksichtigen. Im Ergebnis dieser Beratungen wurden einige vernderte
Wortschreibungen zurckgenommen und eine Verlngerung der vorgesehenen
Fristen vorgeschlagen. Diese nderungen wurden daraufhin mit sterreich und
mit der Schweiz abgestimmt. Auf ihrer Plenarsitzung am 30. November und 1.
Dezember 1995 stimmten auch die Kultusminister Deutschlands schlielich der
Neuregelung der deutschen Rechtschreibung zu. Dieser Beschluss wurde am 14.
Dezember von der Konferenz der Ministerprsidenten gebilligt.

Am 1. Juli 1996 unterzeichneten dann in Wien die politischen Vertreter der
deutschsprachigen Staaten und weiterer interessierter Lnder eine
Gemeinsame Erklrung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, die mit
ihrer offiziellen Verffentlichung in Kraft tritt.

Was enthlt das neue Regelwerk?

Das neue Regelwerk enthlt neben einem Regelteil auch ein umfangreiches
Wrterverzeichnis, einen Wrterteil. In diesem sind mit etwa 12.000
Beispielwrtern alle Stammschreibungen des gegenwrtigen Deutschen erfasst,
sofern sie nicht auf fachsprachliche, umgangssprachliche oder
landschaftlich gebundene Wrter beschrnkt sind. Eingearbeitet sind auch
alle Schreibungen, die sich aus der Neuregelung ergeben.

Die Reform auf einen Blick

Die folgenden Beispiele sollen die wichtigsten nderungen illustrieren.
Auskunft in jedem konkreten Fall vermag nur das Regelwerk insgesamt - mit
seinem Regelteil und seinem Wrterteil - zu geben.

A) Laut-Buchstaben-Zuordnungen (einschlielich Fremdwortschreibung)

Einschneidende Manahmen, die das historisch gewachsene Schriftbild der
deutschen Sprache verndert htten, sind nicht vorgenommen worden. Frhere
Vorschlge sind oft eben daran gescheitert. Die neue Regelung konzentriert
sich darauf, Verste gegen das Stammprinzip zu beseitigen. Sie verfolgt
also das Ziel, die gleiche Schreibung eines Wortstammes mglichst in allen
Wrtern einer Wortfamilie sicherzustellen. Entscheidend dabei ist, ob ein
Wort im heutigen Sprachgebrauch einer Wortfamilie zugeordnet wird oder
nicht.

Einzelflle mit Umlautschreibung:
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
behende                 behnde (zu Hand)
belemmert               belmmert (heute zu Lamm)
Bendel                  Bndel (zu Band)
Gemse                   Gmse (zu Gams)
Quentchen               Quntchen
                        (heute zu Quantum)
schneuzen               schnuzen (zu Schnauze,
                        groschnuzig)
Stengel                 Stngel (zu Stange)
berschwenglich         berschwnglich
                        (zu berschwang)
verbleuen               verbluen (heute zu blau)
aufwendig               aufwendig (zu aufwenden) oder
                        aufwndig (zu Aufwand)
Schenke                 Schenke (zu ausschenken) oder
                        Schnke (zu Ausschank)
Wchte "Schneewehe"     Wechte
                        (nicht zu wachen)
aber weiterhin: Eltern (trotz alt)

---------------------------------------------------------------------------

Einzelflle mit Verdopplung des Konsonantenbuchstabens nach kurzem Vokal:
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
Karamel                 Karamell (zu Karamelle)
numerieren              nummerieren (zu Nummer)
plazieren (placieren)   platzieren (zu Platz)
Stukkateur              Stuckateur (zu Stuck)
Tolpatsch               Tollpatsch (heute zu toll)

---------------------------------------------------------------------------

ss fr  nach kurzem Vokal

Zur Sicherstellung der gleichen Schreibung der Wortstmme wird auch der
Wechsel von ss zu  nach kurzem Vokal aufgehoben und konsequent ss
geschrieben, also Wasser/wsserig/wssrig oder mssen/er muss.

Hingegen bleibt  in Wrtern wie Ma, Mue und Strae erhalten und
kennzeichnet nunmehr eindeutig die Lnge des vorausgehenden Vokals oder
einen Doppellaut vor stimmlosem s-Laut (drauen, beien).

Die bisher da geschriebene Konjunktion wird jetzt - entsprechend der
allgemeinen Regel, dass nach kurzem Vokal ss steht - dass geschrieben.
Damit bleibt die Unterscheidung gegenber dem Artikel beziehungsweise dem
Relativpronomen das erhalten.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
hassen - Ha            hassen - Hass
kssen - Ku,           kssen - Kuss,
sie kten sich         sie kssten sich
lassen - er lt        lassen - er lsst
mssen - er mu         mssen - er muss
Wasser -                Wasser -
wsserig - wrig       wsserig - wssrig
da                     dass

---------------------------------------------------------------------------

Erhalt der Stammschreibung in Zusammensetzungen

Wenn in Zusammensetzungen drei gleiche Konsonantenbuchstaben
zusammentreffen (Ballett + Truppe, Ballett + Tnzer), werden stets alle
geschrieben, also nicht nur wie bisher in Fllen wie Balletttruppe, sondern
auch in Fllen wie Balletttnzer (bisher Ballettnzer, bei Trennung jedoch
Ballett-tnzer). Die Schreibung mit Bindestrich ist immer mglich.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
Flanellappen            Flanelllappen
Flusand                Flusssand
Ballettnzer            Balletttnzer
Stoffetzen              Stofffetzen
usw.                    (wie bisher schon Balletttruppe usw.)
aber weiterhin dennoch, Drittel, Mittag

---------------------------------------------------------------------------

Entsprechend bleibt auch bei der Endung -heit ein vorausgehendes h
erhalten: Rohheit (zu roh), Zhheit (zu zh) statt Roheit und Zheit. Neben
selbstndig ist auch selbststndig (selbst + stndig) mglich.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
Roheit                  Rohheit (zu roh)
Zheit                  Zhheit (zu zh)
Zierat                  Zierrat (wie Vorrat)
selbstndig             selbstndig/selbststndig

---------------------------------------------------------------------------

Systematisierung in Einzelfllen

Die Schreibung von bisher rauh und Knguruh wurde gendert zu rau (vgl. die
Adjektive auf -au wie blau, grau, genau, schlau) beziehungsweise zu Knguru
(vgl. andere fremdsprachige Tierbezeichnungen wie Emu, Gnu, Kakadu).
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
rauh                    rau
                        (wie grau, schlau usw.)
Knguruh                Knguru
                        (wie Gnu, Kakadu usw.)

---------------------------------------------------------------------------

Entsprechend dem zugrunde liegenden Substantiv auf -anz oder -enz ist die
Schreibung mit z (essenziell usw.) die Hauptform. Die bisherige Schreibung
mit t (essentiell usw.) bleibt als Nebenform bestehen.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
essentiell              essenziell (zu Essenz), auch
                        essentiell
Differential            Differenzial (zu Differenz), auch
                        Differential
differentiell           differenziell (zu Differenz), auch
                        differentiell
Potential               Potenzial (zu Potenz), auch
                        Potential
potentiell              potenziell (zu Potenz), auch
                        potentiell
substantiell            substanziell (zu Substanz), auch
                        substantiell

---------------------------------------------------------------------------

Fremdwrter bereiten wegen ihrer fremden Laut-Buchstaben-Zuordnungen oft
besondere orthographische Schwierigkeiten. Im Widerstreit stehen der
Respekt vor der fremden Sprache einerseits und die Loyalitt gegenber der
Muttersprache andererseits. Angleichungen in der Schreibung (und in der
Aussprache) haben seit jeher stattgefunden, betreffen im Normalfall aber
nur hufig gebrauchte Wrter des Alltagswortschatzes.

Weitere Angleichungen kamen daher nur in Betracht und sind in der Regel nur
dann vorgenommen worden, wenn eine Entwicklung bereits angebahnt war. So
lsst sich beispielsweise die in den Wortstmmen phon, phot und graph
bereits vorhandene f-Schreibung fr ph auf weitere Beispiele ausdehnen. Auf
eine forcierte Angleichung ber diese Wortstmme hinaus wurde jedoch
verzichtet. Wrter wie Philosophie, Phnomen, Metapher oder Sphre sollen
weiterhin wie bisher geschrieben werden.

War eine integrierte Schreibung schon bisher bei den meisten Wrtern einer
Gruppe vorhanden (etwa die Schreibung -ee statt - oder -e: Allee,
Komitee, Resmee usw.), so wird diese fr alle brigen Wrter nun als
zweite zulssige Schreibung zugelassen oder ist sogar bevorzugte Variante.
Das gilt auch fr Wrter mit den Stmmen phon/fon, phot/fot, graph/graf
(bisher schon: Fotografie, Grafik, Mikrofon usw.).

Die Eindeutschung von Fremdwrtern ist zwar fr jeden gewhnungsbedrftig,
doch ist dieser Schritt sinnvoll, weil die deutsche Sprache wie jede andere
Sprache seit jeher das Bestreben hat, sich Fremdes zu Eigen zu machen. Im
Verlaufe der Sprachgeschichte sind auf diese Weise Tausende aus anderen
Sprachen bernommene Wrter zu heimischen Wrtern (Lehnwrtern) geworden:
Aus lterer Zeit gehren dazu etwa Esel, kaufen, Kohl, Mnze, pflanzen,
Senf, Strae oder Tisch, aus jngerer Zeit beispielsweise Bluse, Bombe,
Dekan, Mais, Muster, Scheck, Streik oder Tasse. In der Regel tritt die neue
Schreibung als fakultative Nebenform zunchst neben die bisherige
Schreibung. Dieses Verhltnis kann sich mit wachsender Vertrautheit auch
allmhlich umkehren, was vor allem bei Alltagswrtern oft der Fall ist.

Die nderungen betreffen im Einzelnen die folgenden Gruppen, deren
wesentliche Flle hier aufgefhrt sind:
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
ai                      ai oder 
Frigidaire              Frigidaire, auch Frigidr
                        (als Warenzeichen Frigidaire)
Necessaire              Necessaire, auch Nessessr
                        (wie bisher schon Mohr, Sekretr, Militr,
                        Majonse, Polonse usw.)
ph                      ph oder f
quadrophon              quadrophon, auch quadrofon
Photometrie             Fotometrie, auch Photometrie
Geographie              Geographie, auch Geografie
Graphologe              Graphologe, auch Grafologe
Orthographie            Orthographie, auch Orthografie
Megaphon                Megaphon, auch Megafon
                        (wie bisher schon Mikrofon, Fotografie, Grafik usw.)
Delphin                 Delphin, auch Delfin
                        (wie bisher schon fantastisch)
gh                      gh oder g
Joghurt                 Joghurt, auch Jogurt
Spaghetti               Spaghetti, auch Spagetti
                        (wie bisher schon Getto, Finn-Dingi usw.)
 und e                /e oder ee
Boucl                  Boucl, auch Buklee
Expos                  Exposee, auch Expos
Kommuniqu              Kommuniqu, auch Kommunikee
Variet                 Varietee, auch Variet
Chicore                Chicore, auch Schikoree
                        (wie bisher schon Allee, Armee, Komitee,
                        Resmee, Dragee, Haschee usw. )
qu                      k
Kommuniqu              Kommuniqu, auch Kommunikee
                        (wie bisher schon Etikett, Likr usw.)
ou                      ou oder u
Boucl                  Boucl, auch Buklee
                        (wie bisher schon Nugat)
ch                      ch oder sch
Ketchup                 Ketschup, auch Ketchup
Chicore                Chicore, auch Schikoree
                        (wie bisher schon Anschovis, Broschre,
                        Haschee, retuschieren, Scheck, Sketsch,
                        transchieren usw.)
rh                      rh oder r
Katarrh                 Katarrh, auch Katarr
Myrrhe                  Myrrhe, auch Myrre
Hmorrhoiden            Hmorrhoiden, auch Hmorriden
c                       c oder ss
Facette                 Facette, auch Fassette
Necessaire              Necessaire, auch Nessessr
                        (wie bisher schon Fassade, Fasson, Rasse usw.)
th                      th oder t
Panther                 Panther, auch Panter
Thunfisch               Thunfisch, auch Tunfisch
Hinzu kommt als
Einzelfall:
Portemonnaie            Portmonee, auch Portemonnaie

---------------------------------------------------------------------------

B) Getrennt- und Zusammenschreibung

Im amtlichen Regelwerk von 1901/1902 war der Bereich der Getrennt- und
Zusammenschreibung nicht generell geregelt. Die im Rechtschreib-Duden seit
1915 entwickelte und spter mit einer Vielzahl von Sonderregelungen
belastete Darstellung wird vor allem dadurch berschaubarer, dass von der
Getrenntschreibung als dem Normalfall ausgegangen wird. An die Stelle
schwer handhabbarer inhaltlicher Kriterien (Zusammenschreibung "wenn ein
neuer Begriff entsteht" oder "wenn die Bedeutung des Substantivs verblasst
ist") treten grammatische Proben (Erweiterbarkeit, Steigerbarkeit usw.).
Die wichtigsten Vorschlge betreffen die folgenden Gruppen:

Verbindungen von Substantiv + Verb wie Auto fahren/ich fahre Auto, (aber
bisher) radfahren/ich fahre Rad werden generell getrennt geschrieben:
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
radfahren               Rad fahren
aber Auto fahren        (wie Auto fahren)
teppichklopfen/         Teppich klopfen
Teppich klopfen
haltmachen              Halt machen

---------------------------------------------------------------------------

Die Unterscheidung von konkreter und bertragener Bedeutung als Kriterium
fr Getrenntschreibung (auf dem Stuhl sitzen bleiben) beziehungsweise
Zusammenschreibung (in der Schule sitzenbleiben im Sinne von "nicht
versetzt werden") wird aufgegeben, da dieses Kriterium schon bisher nicht
funktioniert hat, wie die folgenden Beispiele zeigen: im Bett liegenbleiben
(bisher zusammen trotz konkreter Bedeutung), mit seinem Plan baden gehen
(bisher getrennt trotz bertragener Bedeutung "scheitern"). Es gilt nunmehr
die konsequente Getrenntschreibung von Verb + Verb (bei genderter Stellung
ohnehin schon bisher: er blieb in der Schule sitzen). Aus dem
Textzusammenhang heraus sind alle diese Flle eindeutig zu verstehen.
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
sitzenbleiben           sitzen bleiben
(in der Schule),
aber sitzen bleiben
(auf dem Stuhl)

---------------------------------------------------------------------------

Eine Differenzierung der Schreibung nach inhaltlichen Kriterien wird
zugunsten der Getrenntschreibung auch in Fllen wie den folgenden
aufgegeben:
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
abwrtsgehen            abwrts gehen
(schlechter werden),
aber abwrts gehen
(einen Weg)

---------------------------------------------------------------------------

In den folgenden Fllen wird aus Grnden der Analogie zu bereits
bestehenden Schreibungen getrennt geschrieben:
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
gefangennehmen, aber    gefangen nehmen
getrennt schreiben      (wie getrennt schreiben)
brigbleiben,           brig bleiben
aber artig gren       (wie artig gren)

---------------------------------------------------------------------------

Bereinigt wurde die Regelung von Verbindungen wie
aneinander/auseinander/beieinander + Verb, und zwar durch generelle
Getrenntschreibung, die fr viele, aber nicht fr alle Einzelflle schon
bisher galt.
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
aneinanderfgen,        aneinander fgen
aber aneinander denken  (wie aneinander denken)
zueinanderfinden,       zueinander finden
aber zueinander passen  (wie zueinander passen)

---------------------------------------------------------------------------

Die Schreibung der Partizipformen richtet sich immer nach der Schreibung
der Infinitivformen:
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
nahestehend             nahe stehend (weil nahe stehen)
laubtragende/           Laub tragende (Bume)
Laub tragende (Bume)   (weil Laub tragen)

---------------------------------------------------------------------------

Wie bereits so viele, wie viele wird jetzt auch so viel, wie viel
geschrieben:
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
soviel, wieviel,        so viel, wie viel
aber so viele,          (wie so viele,
wie viele               wie viele)

---------------------------------------------------------------------------

Hingegen werden alle Verbindungen mit irgend - wie bisher schon irgendwer
und irgendwohin - zusammengeschrieben:
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
irgend etwas,           irgendetwas,
irgend jemand,          irgendjemand
aber irgendwer,         (wie irgendwer,
irgendwann              irgendwann)

---------------------------------------------------------------------------

C) Schreibung mit Bindestrich

Der Bindestrich erffnet dem Schreibenden grundstzlich die Mglichkeit
unbersichtliche Zusammenschreibungen zu gliedern; und er lsst es zu,
grafisch beziehungsweise syntaktisch nicht vereinbare Bestandteile als eine
Einheit darzustellen (3/4-Takt, das In-den-Tag-hinein-Trumen usw.). Die
neue Regelung beseitigt vor allem Ungereimtheiten. Zugleich will sie der
Entscheidung des Schreibenden mehr Raum geben, durch die Verwendung des
Bindestrichs seine Aussageabsicht zu verdeutlichen.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
Ichform, Ichsucht,      Ichform/Ich-Form, Ichsucht/Ich-Sucht,
aber Ich-Laut           Ichlaut/Ich-Laut
17jhrig, 3tonner,      17-jhrig, 3-Tonner,
2pfnder                2-Pfnder
4silbig, 100prozentig   4-silbig, 100-prozentig
---------------------------------------------------------------------
Kaffee-Ersatz           Kaffeeersatz/Kaffee-Ersatz
Zoo-Orchester           Zooorchester/Zoo-Orchester
Balletttruppe           Balletttruppe/Ballett-Truppe
Flusand                Flusssand/Fluss-Sand

---------------------------------------------------------------------------

Fr mehrgliedrige Anglizismen gelten die gleichen Regeln wie fr
einheimische Zusammensetzungen, d. h. grundstzlich Zusammenschreibung,
aber zulssige Schreibung mit Bindestrich, vor allem dann, wenn
Unbersichtlichkeit befrchtet wird.
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
Hair-Stylist            Hairstylist/Hair-Stylist
Job-sharing             Jobsharing/Job-Sharing
Midlife-crisis          Midlifecrisis/Midlife-Crisis
Sex-Appeal              Sexappeal/Sex-Appeal
Shopping-Center         Shoppingcenter/Shopping-Center

---------------------------------------------------------------------------

D) Gro- und Kleinschreibung

Da sich fr die vom Internationalen Arbeitskreis fr Orthographie
ursprnglich vorgeschlagene Kleinschreibung der Substantive keine
mehrheitliche Zustimmung finden lie, wurde in Wien ber den Vorschlag
einer modifizierten Groschreibung entschieden. Sinn der modifizierten
Groschreibung ist es, die traditionelle Groschreibung der Substantive
beizubehalten, besonders schwierige Bereiche der Gro- und Kleinschreibung
jedoch im Sinne einer besseren Handhabung neu zu regeln. Im Gegensatz zu
allen anderen Sprachen dient die Groschreibung im Deutschen nicht nur der
Kennzeichnung von Satzanfngen, Eigennamen und Ausdrcken der Ehrerbietung,
sondern auch zur Markierung einer Wortart: der Substantive.

Schwierigkeiten bei der Gro- und Kleinschreibung ergeben sich vor allem
daraus, dass einerseits Wrter aller nichtsubstantivischen Wortarten im
Text als Substantiv gebraucht werden knnen und dann grozuschreiben sind
(das Laufen, das Wenn und Aber, die Ewiggestrigen). In vielen Fllen ist
diese Substantivierung jedoch nur eine scheinbare, formale, sodass nach der
geltenden Regelung keine Groschreibung eintrat (im voraus; es ist das
beste, wenn ... ; im nachhinein; auf dem trockenen sitzen "in finanzieller
Verlegenheit sein" usw.). Andererseits werden in einer Reihe von Fllen
ursprngliche Substantive auch nichtsubstantivisch gebraucht (heute abend,
mittags, trotz seiner Krankheit) und entsprechend kleingeschrieben.

Die nderungen zielen darauf ab klare, wenn mglich formale Kriterien fr
die Groschreibung zu gewinnen. Damit kommt dem Artikelgebrauch
entscheidende Bedeutung zu. Insgesamt fhrt das zu einer leichten
Vermehrung der Groschreibung.

So werden Substantive in Verbindung mit einer Prposition (wie auf Grund,
in Bezug, mit Bezug) oder einem Verb (z. B. Rad fahren, Tennis spielen)
generell grogeschrieben.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
in bezug auf,           in Bezug auf
aber mit Bezug auf      (wie mit Bezug auf)
radfahren               Rad fahren
aber Auto fahren        (wie Auto fahren)

---------------------------------------------------------------------------

Nur noch in Verbindung mit den Verben sein, bleiben und werden schreibt man
Angst, Bange, Gram, Leid, Schuld und Pleite klein (Mir wird angst. Sie sind
schuld daran. Aber: Ich habe Angst. Sie hat Schuld daran.).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
angst (und bange)       Angst (und Bange) machen
machen,                 (wie Angst haben)
aber Angst haben
schuld geben            Schuld geben
pleite gehen            Pleite gehen
                        (aber bange sein,
                        gram bleiben, pleite werden)

---------------------------------------------------------------------------

Grogeschrieben werden substantivierte Adjektive als Ordinalzahlen (z. B.
der Erste und der Letzte, der Nchste, jeder Dritte), den Indefinitpronomen
nahe stehende unbestimmte Zahladjektive (z. B. alles brige, nicht das
Geringste) sowie Adjektive in festen Wortverbindungen (z. B. im Klaren, im
Folgenden, im Nachhinein, des Nheren oder - bei Verwendung sowohl in
wrtlicher als auch in bertragener Bedeutung - im Dunkeln tappen, im
Trben fischen).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
der, die, das letzte    der, die, das Letzte
der nchste, bitte      der Nchste, bitte
alles brige            alles brige
nicht das geringste     nicht das Geringste
im groen und ganzen    im Groen und Ganzen
des nheren             des Nheren
im allgemeinen          im Allgemeinen
es ist das beste        das Beste
(= am besten), wenn ...
auf dem trockenen       auf dem Trockenen
sitzen                  sitzen
(in finanzieller
Verlegenheit sein)
den krzeren ziehen     den Krzeren ziehen
(Nachteile haben)

---------------------------------------------------------------------------

Bezeichnungen fr Tageszeiten sollen grogeschrieben werden, wenn sie in
Verbindung mit heute, (vor)gestern oder (ber)morgen stehen: heute Mittag,
gestern Abend, vorgestern Morgen. - Als substantivische Zusammensetzung
gilt die Verbindung von Wochentag und Tageszeit: am Sonntagabend (dazu das
Adverb sonntagabends).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
heute mittag            heute Mittag
gestern abend           gestern Abend
am Sonntag abend        am Sonntagabend
Sonntag abends          sonntagabends

---------------------------------------------------------------------------

Grogeschrieben werden Farb- und Sprachbezeichnungen in Verbindung mit
Prpositionen (z. B. in Rot, bei Grn; auf Englisch, in Deutsch).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
auf deutsch,            auf Deutsch
aber bei Grn           (wie bei Grn)

---------------------------------------------------------------------------

Grogeschrieben werden Paarformeln mit nicht deklinierten Adjektiven zur
Bezeichnung von Personen (z. B. Arm und Reich, Jung und Alt, Gro und
Klein).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
gro und klein          Gro und Klein
jung und alt,           Jung und Alt
aber Arm und Reich      (wie Arm und Reich)

---------------------------------------------------------------------------

Bei Superlativen mit aufs ist Groschreibung (aufs Beste, aufs Herzlichste)
oder Kleinschreibung mglich (aufs beste, aufs herzlichste).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
aufs beste              aufs beste/aufs Beste
aufs herzlichste        aufs herzlichste/aufs Herzlichste

---------------------------------------------------------------------------

Bei festen Fgungen aus Adjektiv und Substantiv wird das Adjektiv generell
kleingeschrieben (z. B. das schwarze Brett, die erste Hilfe, der weie
Tod). Groschreibung tritt jedoch ein, wenn es sich um Eigennamen, d. h. um
singulre Benennungen handelt (z. B. der Stille Ozean). Auch Titel (z. B.
Regierender Brgermeister), klassifizierende Bezeichnungen in der Biologie
(z. B. Roter Milan), besondere Kalendertage (z. B. Heiliger Abend) und
historische Ereignisse (z. B. der Westflische Friede) werden
grogeschrieben.
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
das Schwarze Brett      das schwarze Brett
der Weie Tod           der weie Tod
die Erste Hilfe         die erste Hilfe

---------------------------------------------------------------------------

Ableitungen von Personennamen, wie z. B. ohmsch, werden generell
kleingeschrieben, d. h. auch, wenn die persnliche Leistung gemeint ist:
das ohmsche Gesetz. Gro wird ein Name geschrieben, wenn seine Grundform
betont werden soll. Dann wird die Endung mit einem Apostroph abgesetzt: die
Grimm'schen Mrchen.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
das Ohmsche Gesetz,     das ohmsche Gesetz
aber der ohmsche        (wie der ohmsche
Widerstand              Widerstand)

---------------------------------------------------------------------------

Kleingeschrieben werden die vertraulichen Anredepronomen du und ihr mit
ihren zugehrigen Formen, whrend Sie und Ihr als Hflichkeitsanreden samt
ihren flektierten Formen weiterhin grozuschreiben sind.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
Du, Dein, Dir usw.      du, dein, dir usw.
Ihr, Euer, Euch usw.    ihr, euer, euch usw.
(in der vertraulichen Anrede)

---------------------------------------------------------------------------

E) Zeichensetzung

Auch der Bereich der Zeichensetzung war im amtlichen Regelwerk von
1901/1902 nicht geregelt. Gegenber der bisherigen Duden-Regelung gibt es
Vereinfachungen beim Komma vor und oder oder sowie in Verbindung mit
Infinitiv- und Partizipgruppen. Dem Schreibenden wird hier grere Freiheit
eingerumt. Dadurch hat er mehr Mglichkeiten, dem Lesenden die Gliederung
zu verdeutlichen und das Verstehen zu erleichtern.

Mit und oder oder verbundene Hauptstze mssen nicht mehr durch ein Komma
getrennt werden.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung               neue Schreibung
Der Schnee schmolz dahin,     Der Schnee schmolz dahin
und bald lieen sich die      und bald lieen sich die
ersten Blumen sehen, und      ersten Blumen sehen und
die Vgel stimmten ihr Lied   die Vgel stimmten ihr Lied
an.                           an.

---------------------------------------------------------------------------

Bei Infinitiv- oder Partizipgruppen wird ein Komma nur noch gesetzt, wenn
sie durch eine hinweisende Wortgruppe angekndigt (1) oder wieder
aufgenommen werden (2) oder wenn sie aus der blichen Satzstruktur
herausfallen (3):

(1) Darber, bald zu einem Erfolg zu kommen, dachte sie lange nach.
(2) Bald zu einem Erfolg zu kommen, das war ihr sehnlichster Wunsch.
(3) Sie, um bald zu einem Erfolg zu kommen, schritt alsbald zur Tat.

Zweckmig ist es, ein Komma zu setzen, wenn dadurch die Gliederung des
Satzes verdeutlicht wird oder ein Missverstndnis ausgeschlossen werden
kann: Sie begegnete ihrem Trainer(,) und dessen Mannschaft musste lange auf
ihn warten. Ich rate(,) ihm(,) zu helfen.

Alle anderen Regeln fr die Zeichensetzung bei diesen Gruppen entfallen.

F) Worttrennung am Zeilenende

Bei der Trennung der Wrter ist die bisherige Regel, st stets ungetrennt zu
lassen ("Trenne nie st, denn es tut ihm weh!"), aufgehoben. Wrter wie
Wes-te, Kas-ten werden so getrennt wie bisher schon Wes-pe oder Kas-ko.
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
We-ste                  Wes-te
Ka-sten                 Kas-ten
Mu-ster                 Mus-ter

---------------------------------------------------------------------------

Weiterhin wird das ck (Zucker) bei der Worttrennung nicht mehr durch kk
ersetzt (bisher Zuk-ker). Im Sinne der Beibehaltung der Stammschreibung
bleibt ck erhalten und kommt geschlossen auf die nchste Zeile, also
Zu-cker (hnlich wie bei la-chen und wa-schen).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
Zuk-ker                 Zu-cker
lek-ken                 le-cken
Bak-ke                  Ba-cke

---------------------------------------------------------------------------

Fr Fremdwrter gelten neben den bisher vorgeschriebenen Trennungen, die
nur der Herkunftssprache Rechnung tragen (Chir-urg, Si-gnal, Pd-agoge,
par-allel, Heliko-pter), nun auch die fr heimische Wrter geltenden
Trennregeln: Chi-rurg (wie Si-rup), Sig-nal (wie leug-nen), P-dagogik (wie
ba-den), pa-rallel (wie Pa-rade), Helikop-ter (wie op-tisch).
---------------------------------------------------------------------------

alte Schreibung         neue Schreibung
Chir-urg                Chir-urg/Chi-rurg
Si-gnal                 Si-gnal/Sig-nal
Pd-agogik              Pd-agogik/P-dagogik
par-allel               par-allel/pa-rallel
Heliko-pter             Heliko-pter/Helikop-ter

---------------------------------------------------------------------------

Die Regelung, nach der ein einzelner Vokalbuchstabe am Wortanfang nicht
abgetrennt werden darf, ist aufgehoben worden.
---------------------------------------------------------------------------


alte Schreibung         neue Schreibung
Ufer (untrennbar)       U-fer
Ofen (untrennbar)       O-fen

---------------------------------------------------------------------------

Lesehemmende Trennungen (Seeu-fer, Altbauer-haltung) sollte man vermeiden.

Welche bergangsregelungen sind getroffen worden?

Mit der Unterzeichnung einer Gemeinsamen Erklrung zur Neuregelung der
deutschen Rechtschreibung durch die politischen Vertreter der
deutschsprachigen Staaten und weiterer interessierter Lnder am 1. Juli
1996 in Wien und durch die offizielle Verffentlichung des amtlichen
Regelwerkes in Deutschland, in sterreich und in der Schweiz ist der schon
1901 erhobenen Forderung Konrad Dudens nach einer behutsamen
Weiterentwicklung der deutschen Orthographie im Sinne ihrer Vereinfachung
und leichteren Handhabbarkeit in den Grenzen des heute Machbaren
nachgekommen worden. Bereits mit Beginn des Schuljahres 1996/97 ist es
mglich, in den Schulen die neue Rechtschreibung zu lehren. Ab 1. April
1998 darf nur noch nach den neuen Regeln unterrichtet werden. Die alte
Schreibung wird bis zum Ende des Schuljahres 2004/05 jedoch nicht als
falsch angesehen, sondern ist lediglich als berholt zu kennzeichnen.

Wird die Orthographiereform bezahlbar sein?

Die lange bergangszeit soll es ermglichen, die Neuregelung der deutschen
Rechtschreibung ohne besondere Kosten umzusetzen. Damit knnen Schulbcher
im normalen Rhythmus erneuert werden. Mit Ausnahme von Sprachlehrbchern
soll die neue Orthographie erst bei Neusatz Bercksichtigung finden. Auch
sind bereits gedruckte Formulare ganz normal aufzubrauchen.

Wie lange soll die neue Regelung Bestand haben?

Die neue Regelung soll mglichst lange Bestand haben. Hufige nderungen
der Norm wrden zu stndigen Verunsicherungen in der Sprachgemeinschaft
fhren. Allerdings wird es unausweichlich sein, gelegentlich Korrekturen
vorzunehmen, sei es um neuen Entwicklungen gerecht zu werden, oder sei es
um in Einzelfllen auch berholte Schreibungen (etwa bei Varianten) zu
streichen. Derartige Anpassungen, die bisher - nicht selten uneinheitlich -
von den Rechtschreibwrterbchern vorgenommen worden sind, sollen knftig
von einer zwischenstaatlichen Kommission fr die deutsche Rechtschreibung
durchgefhrt werden. Ihre Aufgabe wird es demnach sein, die Einheitlichkeit
der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum auf der Grundlage des neuen
orthographischen Regelwerks zu bewahren. Sie wird die Sprachentwicklung
beobachten, Zweifelsflle klren und Empfehlungen zur Anpassung des
Regelwerks an den allgemeinen Sprachwandel erarbeiten und wissenschaftlich
begrnden. Ihren Sitz wird die Kommission am Institut fr deutsche Sprache
in Mannheim haben, das schon bisher die Bemhungen um die Neuregelung der
deutschen Rechtschreibung koordiniert hat. Eine enge Zusammenarbeit mit
Praktikern, etwa Lexikographen und Didaktikern, ist vorgesehen.
---------------------------------------------------------------------------

Der Nachdruck dieser Ausgabe ist mit der folgenden Quellenangabe gestattet:
Sprachreport, Extra-Ausgabe Juli 1996,
Institut fr deutsche Sprache, Mannheim
---------------------------------------------------------------------------

Dr. Klaus Heller ist Mitarbeiter des Instituts fr deutsche Sprache in
Mannheim, Mitglied der Kommission fr Rechtschreibfragen am IDS und
Mitglied des Internationalen Arbeitskreises fr Orthographie.
---------------------------------------------------------------------------

                           Impressum SPRACHREPORT

                 Herausgeber: Institut fr deutsche Sprache
                      Postfach 101621, 68016 Mannheim
                   Redaktion: Annette Trabold (Leitung),
                    Ulrike Ha-Zumkehr, Dieter Herberg,
                     Heidrun Kmper-Jensen, Eva Teubert
                     Redaktionsassistenz: Iris Schmidt
                Texterfassung fr diese Ausgabe: Karin Laton
                       Satz & Layout: Claus Hoffmann
                       Belichtung: LaserSatz Thewalt
                              69257 Wiesenbach
                       Druck: Morawek, 68199 Mannheim
               gedruckt auf 100% chlorfrei gebleichtem Papier
                               ISSN 0178-644X

                         Sprachreport Extra-Ausgabe
                       2. Neuauflage Juli 1996: 6000

                                Sprachreport
                     Erscheinungsweise: vierteljhrlich
                         Jahresabonnement: DM 16,-
                            Einzelheft: DM 5,-
                              Bezugsadresse:
                      Institut fr deutsche Sprache,
                      Postfach 101621, 68016 Mannheim
                           Tel. 06 21/15 81 - 0
---------------------------------------------------------------------------

                Institut fr deutsche Sprache, Mannheim

                Webmaster
                <webmaster@ids-mannheim.de>

Letzte nderung: 1. Juli 1996
